Wenn Vermenschlichung für Tiere zur Qual wird
Vom Hundeparfum bis zum Spa-Erlebnis für Vierbeiner: Der Markt für Heimtierprodukte boomt. Doch wo endet fürsorgliche Tierhaltung und wo beginnt die Vermenschlichung von Tieren? Der Schweizer Tierschutz STS plädiert dafür, bei aller Tierliebe die natürlichen Bedürfnisse der Tiere nicht aus den Augen zu verlieren.
Ob als treuer Begleiter im Alltag, Sportpartner oder Familienmitglied: Hunde haben heute einen festen Platz im Leben vieler Menschen. In der Schweiz leben inzwischen über eine halbe Million Hunde. Mit der wachsenden Bedeutung von Haustieren wächst auch der Markt rund um ihre Betreuung. Neben Futter, Zubehör und tierärztlichen Angeboten boomt zunehmend ein Bereich, der lange vor allem Menschen vorbehalten war: Wellness-, Pflege- und Lifestyle-Produkte für Tiere.
Wellness für den Hund
Für Diskussionen sorgt derzeit das niederländische Unternehmen Rituals. Die Kosmetikmarke hat eine eigene Pflegelinie für Hunde auf den Markt gebracht. Zum Sortiment gehören unter anderem Trockenshampoo, Reinigungstücher, Pfotenbalsam und Parfüm. Beworben werden die Produkte mit Bildern von Hunden im Spa-Look. Die Botschaft dahinter: Die Pflege des Hundes soll nicht mehr nur praktische Notwendigkeit sein, sondern zu einem Wellness-Erlebnis für Tier und Halter werden. Bei der Haut- und Fellpflege müssen jedoch die Bedürfnisse der Tiere im Mittelpunkt stehen. Hunde haben eine andere Hautstruktur als Menschen und reagieren empfindlich auf ungeeignete Inhaltsstoffe oder intensive Duftstoffe. Aus Sicht des Schweizer Tierschutzes STS ist deshalb entscheidend, dass Pflegeprodukte tatsächlich der Gesundheit des Tiers dienen und nicht die menschlichen Vorstellungen von Schönheit, Wellness oder Lifestyle erfüllen. Je nach Rasse, Felltyp und individueller Situation kann eine regelmässige Fellpflege sinnvoll oder sogar notwendig sein. Dazu gehören beispielsweise das Bürsten, das Entfernen von Verfilzungen oder in bestimmten Fällen auch ein Bad mit einem geeigneten, möglichst milden Hundeshampoo. Produkte wie Parfums, Duftsprays oder Mundsprays haben hingegen keinen Nutzen für das Tier und sind aus Tierschutzsicht abzulehnen. Auch stark parfümierte Shampoos oder Pfotenbalsame sind kritisch zu betrachten. Ein gesunder Hund mit einer angemessenen Fell- und Körperpflege sollte nicht künstlich beduftet werden müssen. Fallen unangenehme Gerüche auf, können diese auf gesundheitliche Probleme wie Haut-, Zahn- oder Ohrenerkrankungen hinweisen und sollten tierärztlich abgeklärt werden, anstatt sie mit Duftstoffen zu überdecken.
Wenn das Tier zum Lifestyleobjekt wird
Das Beispiel Rituals steht stellvertretend für einen gesellschaftlichen Trend, bei dem Tiere zunehmend in menschliche Vorstellungen von Schönheit, Lifestyle und Konsum eingebunden werden. Problematisch ist dabei nicht eine enge Beziehung zum Tier, sondern die Tatsache, dass dessen artspezifische Bedürfnisse in den Hintergrund geraten können. Was Menschen angenehm, gepflegt oder attraktiv finden, entspricht nicht zwangsläufig den Bedürfnissen eines Hundes oder einer Katze. Tiere nehmen ihre Umwelt anders wahr, kommunizieren anders und haben andere körperliche Voraussetzungen als wir. Gerade stark parfümierte Pflegeprodukte oder kosmetische Behandlungen dienen primär den Wünschen der Halterinnen und Halter, nicht dem Wohlbefinden der Tiere.
Gut gemeint ist nicht immer gut für das Tier
Die Folgen der Vermenschlichung zeigen sich in unterschiedlichen Bereichen. So werden Haustiere teilweise mit luxuriösen oder stark verarbeiteten Produkten gequält. Übermässige Belohnungen und Snacks können Übergewicht begünstigen und gesundheitliche Probleme verursachen. Auch Kleidung und Accessoires werden zunehmend als Modeartikel vermarktet. Während Jacken oder Schutzkleidung in bestimmten Situationen sinnvoll sein können, erfüllen viele Produkte vor allem ästhetische Zwecke und bieten dem Tier kaum einen Nutzen. Besonders deutlich werden die Risiken bei Extremzuchten. Hunde oder Katzen werden gezielt auf bestimmte äussere Merkmale gezüchtet, die Menschen attraktiv finden. Für die Tiere bedeuten diese Merkmale jedoch häufig Atemprobleme, Schmerzen oder andere gesundheitliche Einschränkungen. Auch auf Social Media zeigt sich der Trend. Haustiere werden zunehmend als Markenbotschafter eingesetzt, präsentieren Produkte oder bauen als sogenannte «Dogfluencer» und «Petfluencer» eine eigene Fangemeinde auf. Dabei steht immer die Vermarktung im Vordergrund und die Bedürfnisse der Tiere werden nicht selten missachtet.
Tiere müssen keine Menschen sein
Der Stellenwert von Haustieren ist heute höher denn je. Aber: Hunde wollen keine Spa-Behandlungen, Designer-Accessoires oder Luxusprodukte. Sie brauchen Bewegung, Beschäftigung, Sozialkontakte, Sicherheit und eine Haltung, die ihren natürlichen Bedürfnissen entspricht.
